Führungskräfte-Sensibilisierung

ERkennung psychischer Störungen

Hintergrundwissen

Fürsorgepflicht
Es gibt unzählige Unfallverhütungs- und Arbeitssicherheitsbestimmungen. Darüber hinaus sind viele gesundheitsdienliche und -fördernde Maßnahmen im Rahmen der arbeitgeberseitigen Fürsorgepflicht bekannt. Das Problem psychischer Erkrankungen wird jedoch nicht selten stark vernachlässigt und ist in vielen Betrieben immer noch ein Tabu-Thema, obwohl die tatsächliche Relevanz eine völlig andere Sprache spricht:

Besorgniserregende Fallzahlen
Tatsächlich schnellen die Fallzahlen psychischer Erkrankungen ungebremst empor. Als Grund für den Anstieg psychischer Erkrankungen sind u.a. die gestiegenen Anforderungen der Arbeitswelt in Verbindung mit wachsenden mentalen Anforderungen und psychischen Belastungen bekannt. Psychische Krankheiten machten vor einiger Zeit noch ca. ein Achtel des gesamten Krankenstands aus. Bereits 2010 wurde in Hamburger Betrieben schon jeder sechste Fehltag durch psychische Erkrankungen verursacht. Die Quote im Jahr 2015 klingt so unglaublich, dass sie jeder Leser am besten selbst recherchiert. Gelinde ausgedrückt: Einer kürzlich veröffentlichten DAK-Studie zufolge spielen psychische Erkrankungen inzwischen eine fast doppelt so große Rolle wie noch 1998. Auch nach einer Analyse der Bundespsychotherapeutenkammer, welche die Daten gesetzlicher Krankenkassen ausgewertet hat, hat sich die Zahl von Krankschreibungen aufgrund psychischer Störungen seit Mitte der 90er Jahre fast verdoppelt. Das Problem ist besorgniserregend. Kassenunabhängige Statistiken berichten davon, dass jeder dritte Bürger in unserem Land psychisch krank ist. Nach der Statistik im Rahmen der innovativen beruflichen Eignungsdiagnostik nach dem ib reality view & proof concept, das schwerwiegende Persönlichkeitsstörungen mit einbezieht, ist sogar jeder zweite Bewerber betroffen, was extrem alarmierend ist.

Jede vierte psychische Erkrankung ist arbeitsbedingt
Die Fehltage von Arbeitnehmern stiegen in den letzten Jahren enorm an. Sie liegen heute 80 Prozent über dem Wert von vor 15 Jahren. Im Gesundheitsreport des BKK Dachverbands heißt es: Etwa 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage der etwa 4,3 Millionen BKK-Versicherten in Deutschland seien psychisch bedingt. Die mittlere Ausfalldauer bei psychischen Problemen ist mit ca. 40 Tagen höher als bei anderen Erkrankungen. Ein Fehltag kostet im Schnitt über 400 Euro. Allein der deutschen Industrie gehen dadurch zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr verloren.

Krank machende Arbeitsverhältnisse
Psychische Krankheiten gehen zunehmend auf krank machende Arbeitsverhältnisse zurück. Auch ist bekannt, dass die Dauer einer psychischen Erkrankungen stark vom Führungsverhalten der Chefs abhängt. Das ermittelten Forscher u.a. durch die Befragung von 300 Psychiatern, die in der Zeitschrift "Wirtschaftspsychologie aktuell" publiziert wurde. Bei rund 26 Prozent der Erkrankungen dürfte die Situation im Job sogar der wichtigste Auslöser sein. Auch nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind die psychischen Anforderungen im Job seit Mitte der 90er Jahre deutlich gestiegen. Das hohe Tempo in der modernen Arbeitswelt sowie die sinkende emotionale Intelligenz und die daraus resultierende sinkende Kooperation bleibt nicht ohne Folgen für die Gesundheit der Mitarbeiter.

 

Termin- und Leistungsdruck
Starker Termin- und Leistungsdruck werden von Ärzten, Kassen und Verbänden ebenso als Belastungen angesehen wie häufige Störungen und Unterbrechungen sowie sehr schnelles Arbeiten. Auch familiäre Probleme und Probleme in der Partnerschaft beeinflussen die persönliche Leistungsfähigkeit erheblich. Viel gravierender sind jedoch Probleme im Miteinander am Arbeitsplatz.

Finanzieller Druck
durch steigende Bedürfnisse und Kosten spielen ebenso eine Rolle wie Existenzängste.

Verhalten von Chefs und Kollegen
Immer häufiger sind psychische Belastungen durch das Verhalten von Chefs und Kollegen der Grund, dass Menschen nicht mehr arbeiten können. Das kommunikative Miteinander spielt eine ebenso große Rolle: Auftreten, Umgangsformen, Missverständnisse, kommunikative Negativ-Polungen. Krankheitsförderndes Verhalten liegt nicht nur am gestörten Selbstbild vieler Menschen, sondern auch an mangelnder Sozialkompetenz als Folge der gesellschaftlichen Entwicklung weg vom sozialen Wesen hin zur Ego-Zentriertheit. Mobbing ist auch ein Thema. Allein das rein subjektive Gefühl, gemobbt zu werden, reicht aus, um schwer zu erkranken.

Personalauswahl
Mitverantwortlich sind die veralteten - längst überholten - Denkmuster und Rituale in der Personalauswahl, die psychologische Faktoren wie die Persönlichkeit hinter konkrete Kennziffern stellen und Eignungsdiagnostik nach modernen psychologischen und neurowissenschaftlichen Kriterien nicht - oder nicht ausreichend berücksichtigen.

Fehlende Grundlagen und Missverständnisse
Auch fehlt es an psychologischen und diagnostischen Grundkenntnissen. Tests und Befragungen zeigen das ebenso deutlich die immer noch gleichen Rituale in der Personalauswahl und Personalführung. Wen wundert es? Wer Menschenkenntnis für eine Gabe hält, implizite Persönlichkeitstheorien verfolgt, auf Motivationstrainings setzt und bei der Durchführung von Kommunikationstrainings gerne den Begriff "Psychologie" ausklammern möchte, hat sich mit wissenschaftlicher Psychologie - und damit mit richtiger Psychologie scheinbar nur wenig auseinandergesetzt oder ggf. etwas missverstanden. Hier gibt es einigen Aufklärungs- und Nachholbedarf.

Verschweigen
Der Umgang der Betriebe mit den Erkrankten - vor wie auch nach dem Krankenstand - ist zur Zeit noch weitgehend unzureichend. Dafür spricht die Tatsache, dass 38 Prozent der Fachärzte den Patienten raten, dem Chef nach der Rückkehr die psychische Erkrankung zu verschweigen. Hinzu kommt, dass sich entsprechende Fachärzte in der Diagnosestellung eher zurückhaltend verhalten.

Verdrehen und Herunterspielen
Vieles wird dann kurzer Hand zu einer "Magen und Darm-Verstimmung", zu einer "Psycho-vegetativen Verstimmung", zu einer "depressiven Verstimmung" oder mit "Burn out" erklärt. Schließlich soll eine Stigmatisierung der Betroffenen tunlichst vermieden werden. Warum? Weil psychische Erkrankungen im Privat- und Berufsleben immer noch Tabu-Thema sind und die Angst besteht, belächelt, verachtet, nicht befördert oder gar entlassen zu werden.

Aufklärungs- und Nachholbedarf
Das bezieht sich ebenfalls auf die unterschiedlichen Themen der Psychologie und Psychiatrie sowie den Begriff des Psychologen und des Psychiaters an sich. Nicht selten wird Psychologie mit Psychotherapie und Psychiatrie gleichgesetzt. Ebenso wenig ist bekannt, dass nicht jeder Psychologe sich mit psychischen Störungen auskennt. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Psychologie heute längst durch die modernen Neurowissenschaften ergänzt und teilweise überholt wird. Erschreckend ist auch, welche weltfremden Ansichten bei einigen Psychologen vorherrschen und welche altertümlichen Tests hier immer noch Verwendung finden, obwohl es längst wesentlich aussagekräftigere Methoden gibt. Auch geht es nicht nur um psychische "Erkrankungen": Schwerwiegende Persönlichkeitsstörungen machen einen immer höheren Anteil aus.
Erschreckend: Die Zunahme und Ausbreitung von Persönlichkeitsstörungen. Nicht alle Persönlichkeitsstörungen sind im Berufsleben hinderlich,
einige sind sogar recht förderlich in Bezug auf die erfolgreiche Ausübung bestimmter beruflicher Tätigkeiten.

Bildung
Führungskräfte und Personalverantwortliche lassen sich zwar schulen. Die Frage ist aber: Was sind das für Schulungen? Nicht selten stehen einem die Haare zu Berge, wenn man hört oder liest, was hier "verkauft" wird - nur weil es sich gut anhört und die Teilnehmer inhaltlich voll bestätigt. Mit der wissenschaftlichen Realität hat das oft wenig gemein. Erst recht kann so kein Umdenken zustande kommen.